Globaler Klimastreik – nicht nur Schüler sind mit dabei!

Mit dem Auto zur Klimademo?!

Keine „wichtigen“ Termine und ein bereits genehmigter freier Tag am 20.09. – Damit steht fest, ich werde an einer Demonstration zur Unterstützung des globalen Klimastreiks teilnehmen. Zuvor hatte ich immer einen mehr oder weniger wichtigen Grund, warum dies nicht möglich war. – Und ich war unglücklich über mein zurückhaltendes Engagement. Die erste Frage, die sich stellt: Bei welcher Veranstaltung bin ich mit dabei? Um die CO2 Bilanz nicht unnötig zu belasten fällt die Entscheidung auf eine regionale Demonstration. Doch wie reise ich nun an? Fahrrad, Bahn, Auto? Schon zeigt sich deutlich das Dilemma, in dem sich jeder befindet, der die Wichtigkeit von Klimaschutz erkannt hat. Man muss feststellen, dass die praktische Umsetzung von aktivem Klimaschutz nicht immer einfach ist. Mit dem Fahrrad ist die Distanz nicht so ohne weiteres zu schaffen. Damit sollte die Bahn das Verkehrsmittel der ersten Wahl sein. Gilt das aber auch noch, wenn man die halbe Strecke am selben Tag sowieso noch einmal mit dem Auto fahren muss, um sperrige Gegenstände zu transportieren und die Frage der sogenannten letzten Meile nicht zufriedenstellend gelöst ist? Ich entscheide mich dann mit gemischten Gefühlen für das Zusammenlegen mehrerer „logistischer Aufgaben“ und fahre mit dem Auto. Während der Fahrt denke ich darüber nach, dass ich das noch besser hätte angehen können. Zum Beispiel mit einer frühzeitigen Reiseplanung. Dann hätte man Fahrgemeinschaften organisieren und das Auto so besser nutzen können.

Heuchler oder Aktivisten?

Angekommen am Veranstaltungsort: die nächste frustrierende Situation. Die Parkplatzsuche ist eine Herausforderung. Meine Zweifel werden schon wieder befeuert. Für wie viele Klimaschützer ist die Fahrt mit dem Rad ebenfalls zu weit gewesen, und müssen die auch alle noch etwas transportieren? Oder ist das der normale Parkplatzwahnsinn in der Stadt? Mein schlechtes Gewissen lässt mich zweifeln, ob ich mich gleich als ein Heuchler unter vielen für das Klima einsetzen werde. Aber nun bin ich vor Ort und lasse mich auf das ein, was kommen wird.

Es geht los!

Mein erster positiver Eindruck ist die für mich überraschend große Menschenansammlung, die ich so nicht erwartet habe. Ein Blick in die Massen bestätigt mir, dass es sich hier tatsächlich nicht nur um einen Schülerprotest handelt. Es sind alles Altersgruppen vertreten, vom Grundschüler bis zum Rentner. Das löst in mir an diesem Tag das erste Mal ein positives Gefühl aus. Die Fridays for Future Bewegung ist offensichtlich in allen Altersgruppen angekommen. Da die Parkplatzsuche lange gedauert hat, ist es auch schon so weit, und der erste Redebeitrag beginnt. Es geht um den weiteren Ablauf und erste Worte, die ein Gefühl von Gemeinschaft schaffen sollen. Noch springt der Funke nicht über. Das ändert sich aber beim nächsten Beitrag. Zwei Schülerinnen tragen ihren Text zum Thema Klimaschutz in Form eines „Poetry Slam“ vor. Durch ihre Worte fühle ich mich emotional berührt und kann es nun kaum erwarten, mit den anderen Menschen durch die Straßen zu marschieren, um ein Zeichen für das Klima zu setzten. Doch zuvor darf ich noch erleben, wie eine Umwelt- und Klimaaktivistin zu Wort kommt, die seit 45! Jahren aktiv ist. Sie erklärt, dass es schon damals klare Anzeichen dafür gab, dass Handeln unbedingt notwendig wäre. Ich frage mich, warum ich in den ersten Jahrzehnten meines eigenen Lebens nie ein Bewusstsein für die Probleme von Klima und Umwelt entwickelt habe, und kann nur eine logische Antwort auf diese Frage finden: Mein Umfeld, die Menschen um mich herum, waren einfach nicht sensibilisiert für diese Themen, und so fand meine Sozialisierung mit anderen Schwerpunkten statt. Erst später bin ich durch eigene Erfahrungen und Schlüsselerlebnisse sensibilisiert worden. Spätestens jetzt ist für mich klar: Auch wenn ich nicht der perfekte Klimaschützer bin, leiste ich gerade einen Beitrag dazu, dass andere Menschen Schlüsselerlebnisse haben, dass die Medien berichten und dass die Chance erhöht wird, den Klima- und Umweltschutz in den Fokus Vieler zu rücken. Spätestens jetzt sind alle Zweifel verflogen und eine innere Zufriedenheit stellt sich ein.

Nicht alle denken gleich....

Als sich der Protestzug in Gang setzt, sind viele sehr zaghaft. Nur wenige stimmen einen Sprechchor an. Auch ich tue mich schwer einzustimmen. Es ist doch eine ungewohnte Situation, in der man sich von den umstehenden Passanten persönlich beobachtet fühlt. Doch je länger der Zug in Bewegung ist, desto mutiger werden alle Teilnehmer. Auch das Gefühl des Beobachtetseins schwindet. Ich fühle mich nun wohl bei dem, was ich tue! Die Hauptverkehrsstraße ist halbseitig von der Polizei abgesperrt. Auf der freien Spur staut sich der Verkehr. Ich kann erkennen, dass einige Verkehrsteilnehmer genervt wirken. Anwohner auf den Balkonen applaudieren allerdings. Die Meinungen zur Aktion gehen ganz offensichtlich auseinander. Unübersehbar wird dies, als die Demonstranten in Sprechchören die stehenden Autofahrer dazu auffordern, ihre Motoren abzuschalten. Prompt reagieren einige Fahrzeugführer mit einem beherzten Tritt auf das Gaspedal im Leerlauf. Meine Zufriedenheit schlägt angesichts dieser Ignoranz in Wut um. Ich kann plötzlich nachvollziehen, dass die spannungsgeladene Atmosphäre einer Demonstration zum idealen Nährboden für Eskalation werden kann. Auch wird mir deutlich vor Augen geführt, wie sehr das Thema unsere Gesellschaft polarisiert.

Was sagt die Politik und Wirtschaft?

Am Zielort des Demonstrationszugs angelangt, kommt die lokale Politik zu Wort. Es gibt warme Worte und Solidaritätsbekundungen und das Versprechen, konkret im Sinne des Klimaschutzes zu handeln. Aber es mangelt auch nicht an einschränkenden Formulierungen, Erklärungen, warum vieles bisher nicht möglich war oder immer noch nicht möglich ist. Das lassen die Aktivisten nicht gelten und nutzen die Gelegenheit klare Forderungen und Vorschläge zu formulieren. Bleibt abzuwarten, ob sie hier auf offene Ohren stoßen. Hoffnung macht der Redebeitrag eines lokalen Unternehmers, der geschlossen mit seiner gesamten Belegschaft an der Veranstaltung teilgenommen hat. Seine Kernaussagen: Klimaschutz ist nötig, Klimaschutz ist möglich und Klimaschutz bietet enorme Potenziale für die Wirtschaft. Voraussetzung sei jedoch der Blick in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit. Die Unternehmer hätten die Pflicht, ihre Geschäftsmodelle, Produkte oder Dienstleistungen klimafreundlicher zu gestallten. Mit alten Industrien müsse abgeschlossen werden, um neue Industrien entstehen lassen zu können. Diese mutigen Aussagen von einem Mittelständler beeindrucken mich sehr, und ich wünschte mir, dass die großen Konzerne diesem Beispiel folgen würden. Auch die Politik sollte solch einen Mut belohnen und die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen.


Zusammenfassend kann ich sagen, dass meine erste Klimademo für mich ein persönlicher Erfolg gewesen ist, den ich gerne mit der nächsten Demo fortsetzen möchte. Seid das nächste Mal doch auch mit dabei!


Das Foto ist vom Autor erstellt worden.

    Kommentare 1

    • Ist schon spannend, wie unterschiedlich Biografien verlaufen. Ich bin ja einige Jahre älter als du, und in meiner Jugend habe ich viel demonstriert. Rote Punkt Demos gegen Üstra-Fahrpreiserhöhungen (das waren echt tolle Aktionen. Man bestreikte Hannovers öffentliche Verkehrsmittel und wenn du dich in jenen Tagen an eine Bushaltestelle stelltest, hielten solidarische PKW-Fahrer an und nahmen dich ein Stück mit!), gegen Atomkraft, Pershingraketen, für Frauenpower und gegen die Haftbedingungen der damals einsitzenden RAF-Terroristen... Dann kamen viele Jahre, in denen ich nicht mehr auf die STraße ging. Dieses Prinzip "gegen" Sachen, bzw. Menschen zu demonstrieren, selbst "gegen rechts" kam mir nicht mehr richtig oder auch nur ansatzweise zielführend vor. Doch die Friday for Future Aktivitäten, die sprechen mich ganz stark an. Endlich mal eine Bewegung FÜR etwas, für das Leben, für den Planeten, für einen anderen Umgang miteinander und mit allem um uns herum. Sprich mich an, wenn du das nächste mal eine Fahrgemeinschaft zur Demo planst!