Klimawandel - mehr als globale Erwärmung?

1. Heimat- und Identitätsverlust

Menschen die erleben müssen, wie unbändige Naturgewalten nicht nur ihr zu Hause, sondern den gesamten Landstrich, in dem sie leben, zerstören, haben nicht selten nachhaltige Ängste. Vergleichbar sind diese mit posttraumatischen Belastungsstörungen, wie sie Soldaten aus Kriegseinsätzen oder auch Folteropfer zeigen. Diese Menschen laufen Gefahr, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Ein sozialer Abstieg mit Alkohol- oder Drogenproblemen sind dann oft die Folge. Auch das Selbstmordrisiko steigt nach solch einem einschneiden Erlebnis rapide an. Auch in Regionen, in denen der schleichende Klimawandel die Existenzgrundlagen von Menschen zu untergraben beginnt, lässt sich diese Tendenz feststellen. Es kommt dort vermehrt zu Suiziden. Betroffen sind hier zum Beispiel die indigenen Völker in den Polargebieten oder im Regenwald. Der zunehmende Verlust ihrer Lebensgrundlage führt hier zu tiefgreifendem Identitätsverlust. Wissenschaftler haben für die Angst vor dem Identitäts- oder Heimatverlust auf Grund von Umweltzerstörung sogar einen eigenen Begriff geprägt: Solastalgie Diese Angst trifft im Allgemeinen eher die materiell schwächer gestellten, als die privilegierte Bevölkerungsschichten. Damit beinhaltet der Klimawandel neben der ökologischen auch noch eine soziale Komponente.

2. Zunahme von Gewalt

Es ist wenig verwunderlich, dass in Regionen, die von Naturkatastrophen heimgesucht werden, das Risiko von Gewalttaten steigt. Oft geht es dabei um das schlichte Überleben und es kommt zu Gewalt im Zuge von Verteilungskämpfen. Manchmal wird die instabile Lage nach einer Naturkatastrophe auch von politisch motivierten Gruppierungen ausgenutzt, die nicht selten zu langjährigen kriegerischen Auseinandersetzungen führen. Aber es ist auch zu beobachten, dass selbst dann ein Anstieg von Gewalt zu beobachten ist, wenn die Katastrophe überstanden zu sein scheint. Warum das so ist, ist noch nicht erforscht. Es gibt hierzu jedoch einige Theorien. Es könnte sich hierbei um eine Art Traumabewältigung handeln oder den Versuch, Kontrolle zu erleben, nachdem Naturgewalten zu Kontrollverlust geführt haben. Selbst in unseren gemäßgten Breitengraden, im scheinbar so stabilen gesellschaftlichen Gefüge, gibt es den klimatisch bedingten Anstieg von Gewalttätigkeit. "Physiologisch ungünstiges Wetter", mit vielen sehr heißen Tagen, wie wir es in diesem und auch im letzten Sommer hatten, steigern die Aggressivität in der Bevölkerung. Logisches Denken fällt Menschen bei großer Hitze schwerer, und man wird sehr viel schneller reizbar und ungehalten. Es besteht also das Risiko, dass der Klimawandel feindseliges Denken und Handeln begünstigt und fördert.

3. Flucht als Folge von Verlust und Gewalt

Verschiedene Studien zeigen, dass schon heute jährlich mehrere Millionen Menschen auf der Flucht sind, weil durch den Klimawandel bedingte Kriege oder Naturkatastrophen die Lebensbedingungen in ihren Heimatländern so sehr verschlechtert haben, dass ihnen einzig Zukunft in der Fremde als Hoffnung verbleibt. Die Zahl der so betroffenen Menschen steigt. Es gibt Schätzungen, die in den kommenden Jahrzehnten von bis zu 200 Millionen Flüchtlingen ausgehen.

Besonders tragisch ist, dass der Klimawandel vor allem die Länder trifft, die selbst nur einen sehr kleinen Teil zur globalen Erwärmung beigetragen haben, nämlich die Entwicklungsländer. Aber auch die Industrienationen, als Hauptverursacher, kommen nicht ohne Folgen davon. Die sogenannte Flüchtlingskrise der letzten Jahre mit den daraus resultierenden gesellschaftlichen Problemen inklusive Bedrohungspotential für die westlichen Demokratien haben hier einen Vorgeschmack gegeben.

4. Ökologische Zukunftsangst

Es gibt immer mehr Menschen, die eine düstere Zukunft auf die Menschheit zukommen sehen und die sich große Sorgen machen. Eigene Erfahrungen können hier zu Schlüsselerlebnissen werden. So kann beispielsweise ein Badeurlaub, bei dem man beim Schnorcheln Massen von Plastik im Meer gesehen hat, einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Auch begeisterte Wanderer, die über die Jahre das Sterben des Waldes beobachten, können sich sehr betroffen fühlen. Mittlerweile reichen aber schon, die fast täglich vermeldeten Negativnachrichten zum Klimawandel und zu vielen weiteren ökologischen Problemen, um Ängst und Sorgen in der Bevölkerung zu erzeugen. Der Mut sinkt weiter, wenn solche Nachrichten zusätzlich mit Informationen zur Handlungsunfähigkeit, Hilflosigkeit oder Verweigerungshaltung unterschiedlichster Institutionen gespickt sind. Lösungen scheinen nicht in Sicht zu sein. Erschwerend kommt hinzu, dass die Algorithmen der modernen Informationsquellen im Internet Filterblasen kreieren. Das führt dazu, dass man immer gezielter mit immer gleichartigen Informationen versorgt wird. Während die vergangenen Jahrzehnte geprägt waren vom Glauben an unendliches Wirtschaftswachstum und visionäre Technologiefortschritte, zweifeln heute auch breitere Gesellschaftsschichten an diesen Maximen des Handelns. Die Gründe für diese Zweifel sind die zunehmend erkennbaren negativen Nebenwirkungen, die oftmals als Bedrohung für die menschliche Lebensgrundlage wahrgenommen werden. Berechtigterweise stellt sich die Frage, wozu nach Wachstum und Fortschritt streben, wenn dies langfristig zerstörerisch wirkt?

Ängste gehören schon seit Urzeiten zur menschlichen Existenz. Genauso lange erfüllen sie auch eine wichtige Funktion. So sollen uns rechtzeitig vor Gefahren warnen, damit wir die Möglichkeit haben, zu reagieren. Es gibt grundsätzlich zwei mögliche Reaktionen bei Gefahr: Flucht oder Angriff! Bei einer Bedrohung durch Klimawandel oder auch anderen globale Umweltproblemen funktioniert die Strategie "Flucht" jedoch nicht mehr. Die „Flucht“ ist nur so lange möglich, wie es gelingt, die Augen vor den Entwicklungen zu verschließen oder die Problemlösung auf die Zukunft zu verschieben. Das wird mit zunehmenden Auswirkungen auf das alltägliche Leben aber immer schwieriger – irgendwann sogar unmöglich. Bleibt also nur der „Angriff“. Wie kann ein Angriff bei einer solchen Gefahr aber aussehen? Der erste Schritt liegt hier meines Erachtens in der Veränderung des eigenen Verhaltens. Und man kann natürlich auch weiter gehen, bis hin zum Einsatz als Aktivist, mit dem Ziel Massen zu bewegen. Es gibt immer mehr Menschen, die sich für den "Angriff", also dafür, Taten sprechen zu lassen, entscheiden. Bleibt zu hoffen, dass die schnell noch viel mehr werden. Dann steigen die Chancen, dass sich vielleicht alles zum Guten wenden kann und damit auch die Zahl der Menschen, die schon heute direkt oder indirekt vom Klimawandel betroffen sind, zurückgeht.


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    Kommentare 1

    • Mir gefällt, dass du auch die psychischen Probleme aufgenommen hast, die durch Umweltkatastrophen ausgelöst werden. Davon hört man sonst nur selten. Bei den Möglichkeiten, auf eine Gefahr zu reagieren, gibt es übrigens noch eine Nummer drei: das Totstellen, Erstarren. Mir scheint, das ist derzeit die bei weitem beliebteste Methode, auf die wir angesichts der drohenden Katastrophen zurückgreifen.