Es geht los: "Volksbegehren Artenvielfalt" in Niedersachsen

Erschwerte Startbedingungen


Eigentlich hätte ja alles mit einem Paukenschlag beginnen sollen. Info-Abende, Vorträge, ein medienwirksamer Auftakt mit Großveranstaltung und vielen Reden… Doch dann kam Corona, und der ganze schöne Plan war Makulatur. Stattdessen vollzieht sich der Start für eine der wichtigsten niedersächsischen Initiativen, die für eine lebbare Zukunft, nun in relativer Stille. Um so wichtiger ist es, jetzt zu seinem Bekannterwerden beizutragen.


Umfassende Vision


Was die Forderungen angeht, haben die Initiatoren vom „Volksbegehren Artenvielfalt“, der Nabu und andere Naturschutzvereine, eine beeindruckend umfassende Vision entwickelt. Man kann die einzelnen angestrebten gesetzlichen Veränderungen im Anhang an jeden Unterschriftenzettel einsehen: sieben DIN-A-4-Seiten Kleingedrucktes.

Viele Bereiche, in denen der Einfluss des Menschen während der letzten Jahrzehnten die Vielfalt von Pflanzen und Tieren zerstört hat, werden dabei erfasst.


Landwirtschaft


Hier ein paar Stichpunkte, die die Landwirtschaft betreffen. Das Volksbegehren packt die Landwirte bei ihrer Verantwortung für die Gestaltung eines Großteils unseres Lebensraumes. Gefordert wird unter anderem die Rückkehr zur kleinteiligeren Struktur, das heißt zu mehr Hecken, Bäumen, Gehölzen im agrarisch bewirtschafteten Raum. Für Grünland, Wiesen und Weiden, wird ein genereller Schutz vor Umwandlung in Ackerland verlangt. Diese Flächen stellen einen wichtigen CO² Speicher dar. Gleichzeitig soll eine extensivere Nutzung angestrebt werden - weniger Vieh pro Hektar – was allen Wiesenbewohnern, pflanzlicher wie tierischer Natur - zu Gute käme. Die ökologische Landwirtschaft soll besonders gefördert werden. Als Ziel gilt: mindestens 20 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen in Niedersachsen sollen bio werden. Förderung soll es auch für dauerhafte Blühstreifen, für die Anpflanzung von Hecken und für unbehandelte breitere Grünstreifen an Wegen geben. Generell wird befürwortet, dass Landwirte für Einbußen, die durch solche Maßnahmen entstehen, entschädigt werden.


Gewässer und Wälder


Wichtig ist den Initiatoren auch der Schutz von Gewässern. Uferzonen sollen nicht mehr gedüngt und gespritzt werden, denn Pestizide in Bächen und Flüssen töten auch dort Kleinstlebewesen, und Dünger wird bis in die Meere getragen, wo er bestimmte Algenarten füttert und das ökologische Gleichgewicht zerstört.

Wälder werden im „Volksbegehren für Artenvielfalt“ als Lunge unserer Welt betrachtet. Ihr Erhalt darf als überlebensnotwendig betrachtet werden. Viele Fehlentscheidungen in den letzten Jahrzehnten, haben Leid über Bäume und Waldbewohner gebracht. Es ist an der Zeit, diese Fehler zu korrigieren, meinen die Initiatoren des Volksbegehrens. Mehr Wildnis wagen, Bäume alt werden lassen, Totholz liegen lassen, nur einheimische standortgerechte Sorten pflanzen sind Forderungen, die jetzt durchgesetzt werden sollen.


Und viele, viele Einzelheiten


Es ist wirklich interessant, das Kleingedruckte, das den Stimmzettel komplett macht, einmal näher anzuschauen. Da kommen auch Bereiche zur Sprache, auf die man sonst beim Gedanken an Naturschutz gar nicht kommt. Flechtenschutz! Schützenswerte flechtenbewachsene Findlinge! Schutz für Nachtinsekten durch Eindämmung von künstlicher Beleuchtung! Verbot von Himmelstrahlern in Naturschutzgebieten!

Ein Punkt, der mich sehr nachdenklich gestimmt hat, ist auch die geforderte Begrenzung bei der Neuversiegelung des Bodens. Da wird doch tatsächlich für die Zeit bis 2030 angestrebt, dass weniger als 3 Hektar pro Tag in Niedersachsen versiegelt werden sollen. Drei Hektar pro Tag! Als Forderung! Das heißt doch, dass jetzt weit mehr versiegelt wird! Bis 2050 soll dann eine Nullwachstumsgrenze für Bodenversiegelung erreicht werden. Dann muss für jede neu versiegelte Fläche eine andere entsiegelt werden.


Das Besondere an Volksbegehren


Ein Volksbegehren ist eine sagenhafte demokratische Errungenschaft. Mit seiner Hilfe lassen sich notwendige politische Prozesse in Gang setzen, die auf parlamentarischer Ebene durch Lobbyismus verzögert oder gar verhindert werden.

Gerade der Naturschutz, an dem man nicht unbedingt verdienen kann, und der Mitwesen wie Insekten, Kräutern und Blumen dient, die keine Lobby haben, ist auf ein solches Instrument angewiesen. Bayern hat gezeigt, dass die Bevölkerung mehr Willen zur Veränderung aufbringt als der träge politische Apparat.


Wie es funktioniert


Der verbindliche Charakter dieser Abstimmung entspricht der einer Wahl. Und so sind auch die Bedingungen zur Teilnahme anspruchsvoller als bei irgendwelchen Daumen-Hoch-Aktionen im Internet. Ihr müsst eigenhändig auf einer Liste unterschreiben. Jede Liste darf nur Bewohner von ein und derselben Stadt, beziehungsweise Kommune enthalten, denn sie wird den dort zuständigen Ämtern zur Kontrolle vorgelegt. Angabe von Wohnort und Geburtsdatum ist verbindlich.

Neben einigen „Stationen“, wo die Listen ausliegen (in Rinteln ist es zum Beispiel der Bioladen), lebt die ganze Initiative vom Schneeballsystem. Also bitte, liebe Niedersachsen, unterschreibt und besorgt euch auch selbst eine Liste und bittet Nachbarn, Freunde und Verwandte, diese gute Sache zu unterstützen. Wann hat man schon mal die Möglichkeit, so viel Gutes für unsere Umwelt und damit unsere eigene Zukunft zu tun?!




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