Es war einmal...

Es war einmal…


Es war einmal ein kleines Corona-Virus. Das lebte seit Jahrhunderten in schönster Eintracht mit einem Volk von Fledermäusen im fernen China. Man kam gut miteinander aus. Alle paar Jahre wurde dem Virus eine stärkere Verbreitung erlaubt. Es wollte ja schließlich auch leben. Doch zwischendurch ließ es die Fledermäuse in Ruhe, gönnte ihnen eine Zeit in Gesundheit und ohne plagende Symptome. Doch eines Tages war es vorbei mit dem friedlichen Auf und Ab im Leben des Stammes von Coronaviren. Es traf, und das ganz ohne böse Absicht, auf den Menschen.

Zweifellos eine aufregende Begegnung für das Virus. Ein fremder Gastkörper! Würde es dort Bedingungen zum Wachsen und Gedeihen finden? Vorsichtig wanderten die ersten Späher durch riesenhafte Mundhöhlen, geräumige Luftröhren bis an den Ort, wo bei jedem Säugetier der Austausch von Gasen stattfindet, die Lunge. Ungläubig nahmen die Viren die Ausmaße dieses menschlichen Organs wahr. Im Vergleich zu den feuchten, höhlenartige Fledermauslungen waren dies ja riesige Hallen! Wie man sich da ausbreiten könnte! Eine erste Welle von Euphorie durchströmte die neugierigen Eindringlinge und kurbelte dabei die Vermehrungsrate gleich ein wenig mit an. Doch noch war man vorsichtig. Schaute sich ständig um. Da! Natürlich! Auch an diesem paradiesischen Ort gab es sie! Die weißen Ritter!

Zitternd stand die erste ertappte Gruppe von Fledermauscoronaviren einem Trupp dieser gefährlichen Gegner, offensichtlich auf Kontrollgang, gegenüber. Doch was war das? Anstatt die tödliche Waffe zu zücken, diese aufs feinste geschmiedete Form, aus der es kein Entrinnen gab, und die die Viren von ihren Fledermauswirten nur zu gut kannten, wurden sie nur etwas befremdet gemustert, und dann ging die Patrouille weiter. Ungläubig schauten die Eindringlinge dem Trupp hinterher. Diesem Frieden war nicht zu trauen, das wussten sie instinktiv, und so wunderten sie sich nicht sehr lange, sondern nahmen die Beine in die Hand und machten sich aus dem Staub.

Gerade noch rechtzeitig. Denn schon an der nächsten Kurve, die die kleine Verästelung von Lungengewebe nahm, blieb das körpereigene Wachpersonal stehen. Man kratzte sich am Kopf, sah sich fragend an, begann zu diskutieren. „Was war das gerade?“ „Das kennen wir nicht.“ „Dann ist es verdächtig!“ Und schon machte der Trupp weißer Ritter auf dem Absatz kehrt und nahm die Verfolgung der flüchtenden Fremden auf. Den einen oder anderen erwischte man. Doch fressen konnte man ihn noch lange nicht.

Die kleinen ertappten Coronaviren wurden in die Enge getrieben. In Todesangst standen sie an den Gefäßwänden. Doch statt sie zu vernichten, wurde nur Maß an ihnen genommen und die so gewonnen Informationen in Windeseile weitergegeben. Husch, waren die Ertappten wieder unterwegs. Auch unter ihnen sprach es sich schnell herum, dass an diesem herrlich fruchtbaren Ort ihr angestammter Gegner schwächelte! Freude, Begeisterung, Lust am Leben, Lust an der Vermehrung machten sich unter den Stammesmitgliedern breit. Man fühlte sich wie im Schlaraffenland. Überall in den kleinen Gängen und Höhlen fanden Stammesorgien statt.

Und nicht nur der einzelne Körper war wie für sie gemacht, stellten die Viren in kürzester Zeit fest. Auch die Menschheit an sich schien ausgesprochen virenfreundlich eingestellt zu sein. Genau wie die Fledermäuse hingen Menschen gern häufig eng aneinandergedrängt zusammen ab. Und die kleinen Coronaviren sprangen voller Lust von einem Körper zum nächsten. Wie viele Menschen es gab! Viel mehr als Fledermäuse! Und wie groß die Welt war! Das hätten die Viren nie für möglich gehalten. Sie fuhren auf riesigen Schiffen über Ozeane, flogen mit Düsenjets um die ganze Welt. Ein Rausch!

So langsam jedoch fanden auch die weißen Ritter zu Wissen und Stärke zurück. Die erste Überraschung war vorbei. Man ging das Ganze planvoller an, und in immer mehr Körpern sahen sich die Viren schließlich doch wieder der kraftvollen Macht gegenüber, mit der sie schon seit Jahrtausenden im unentschiedenen Kampf rangen.

In einigen Gegenden jedoch tat sich die Körperpolizei immer noch etwas schwer. Klein wie sie waren, hatten Viren ein feines Gespür für Energien. Und sie stellten fest, dass da merkwürdige Dinge in der Außenwelt um ihren herrlichen Wirt herum passierten. Ein Flimmern und Flirren von Angst und Panik umgab die menschlichen Säugetiere. Die Viren wunderten sich. Sie kannten ganz unterschiedliche Reaktionen auf ihr Eindringen. Oft gab es da so eine Müdigkeit, manchmal ein wütendes Aufbegehren, doch die meisten der an ihnen Erkrankten fanden sich ab, legten sich ins Bett und warteten auf bessere Zeiten. Aber so eine Panik, das war eine eigenartige Reaktion, fanden die Viren. So schlimm waren sie ja schließlich auch nicht.Sie gehörten zu den klugen Rassen, ließen die meisten Wirte am Leben, damit sie auch selbst weiter existieren konnten. Nun ja, dachten die Mitglieder des Fledermauscoronavirusstammes, uns soll es recht sein. Denn offensichtlich leiden die weißen Ritter durch dieses merkwürdige Panikphänomen an Orientierungsverlust. Mehr Viren als üblich entkamen, wenn sie auf solch planlos durch die Gegend rennenden Körperpolizisten trafen.

Es war, als hätten die Viren mit ihrem Wirtswechsel eine perfekte Welle gefunden, auf der es sich wunderbar surfen ließ. Lange feierten sie ihren Erfolg, ihre Lebendigkeit, das berauschende Gefühl, Teil einer riesigen Bewegung zu sein. Doch nach und nach konnte man erkennen, dass ein Ermatten einsetzte.

Wie alles in der Natur haben auch Viren ihren Rhythmus. Alles weitet sich und zieht sich wieder zusammen. Und nun ging die Zeit der Erweiterung und Vermehrung so langsam zu Ende. Vom Feiern ermüdet, mit Sehnsucht nach Rückzug und Ruhe, wurden die Viren langsamer. Selbst den etwas konfusen weißen Rittern gelang jetzt mancher Fang. Die restlichen, nicht Aufgespürten verbargen sich in engen Nischen und Falten. Wieder zu Sinnen gekommen stellten sie fest, dass sie gar nicht die einzigen Viren im neuen Wirt waren. Da gab es schon eine ganze Kolonie, an die man sich ohne weiteres anschließen konnte! Und beruhigende Informationen hatten diese entfernten Verwandten. „Wir leben hier ganz gut. Im Gleichgewicht. Die weißen Ritter erwischen uns nie alle. Und wir kommen mit der Vermehrung gegen den Schaden, den die anrichten, ganz gut an. Also willkommen, Fledermausviren. Ihr befindet euch in bester Gesellschaft. Schweineviren und Vogelviren gibt es auch schon. Und immer wenn so ein Neuling aus der Tierwelt kommt, geht es hier echt hoch her!“



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