Gaia

Wie Weltraumforschung unsere Sicht auf die Erde veränderte

Es ist kein Zufall, dass die Entwicklung der Gaia-These in die Zeit fällt, als die Menschheit das erste mal die Gelegenheit bekam, ihren Planeten als Ganzes, aus der Perspektive des Weltraums zu betrachten. Diese wunderschöne blaue Kugel mitten im Nirgendwo, so hört man, hat bis heute noch jeden Astronauten zutiefst berührt. Mancher kam mit einer ganz neuen Einstellung wieder zu Hause an und setzt sich seither für die Umwelt ein. Und selbst für den Rest der Menschheit, die den blauen Planeten nur als Foto kennenlernen durfte, haben diese Bilder die Einstellung verändert. Die Erde konnte als Wunder, als zarte Schönheit, als schützenswert und empfindlich wahrgenommen werden. Auch dass es nun ausgerechnet James Lovelock, ein britischer Wissenschaftler aus dem NASA Mars-Projekt war, der 1973 die Gaia-Hypothese veröffentlichte, überrascht nicht. Hatte dieser doch deutlicher als die meisten anderen Menschen den Unterschied von belebten und unbelebten Planeten vor Augen.

Was bedeutet Gaia

Im Gegensatz zur verbreiteten Vorstellung, die Erde sei ein an sich lebloser Ort, auf dem das Leben sich auszubreiten begann, wo immer es Nischen vorfand, geht die Gaia-These davon aus, dass es die Erde selbst war, die dafür sorgte, dass es auf ihr lebendig wurde und die bis heute dafür sorgt, dass das auch so bleibt. Sie betrachtet unseren Planeten als einen Superorganismus, vergleichbar mit Bienenstöcken, Biotopen oder auch menschlichen Gesellschaftssystemen. Solche Organismen sind mehr als die Summe ihrer Bestandteile. Es wohnt ihnen eine ordnende Kraft inne, die sie am Leben erhält und ihre Funktionen sichert.

Die Organe des Superorganismus Erde

Lovelock benennt Meere, Atmosphäre und Krustengestein als die Organe von Gaia. Die Aufgaben für diese Organe sind vielfältig und hochkomplex. Ihr Zusammenspiel waltet über Temperatur, Wetter und Klima weltweit, über den Salzgehalt der Meere, über das Reduktionspotentials besonderer Gase in der Luft, über Luftelektrizität, über den Säuregrad von Luft, Gewässern und Böden, über die Verfügbarkeit von Wasser auf den Kontinenten, über die Verteilung von Nährstoffen und die Stärke kosmischer Strahlung. Jeder dieser Werte kann ins Lebensfeindliche geraten und würde das gesamte Projekt „lebendige Gaia“ in Gefahr bringen. Eigentlich eine sehr einleuchtende Vorstellung, dass eine solche Balance nicht per Zufall geschieht!

Es ist höchst beeindruckend, wie unsere Erde die Werte seit 3,8 Milliarden Jahren im lebensfreundlichen Bereich hält. Seit 3,8 Milliarden Jahren, also ab da, wo das Leben auf Erden begann, hat unser Planet beispielsweise ihre durchschnittliche Oberflächentemperatur auf 14° C gehalten. Keine leichte Aufgabe. Das Fenster für Leben ist mit 0° C bis 50° C im Spektrum des physikalisch Möglichen regelrecht winzig. Mit 23°C auf dem Land und 10°C im Wasser hat sie die optimal förderlichen Temperaturen vorgehalten. Und das, obwohl die Sonne, als ein wandelbarer Parameter unter vielen, in dieser Zeit um 25 Prozent heißer geworden ist.

Nur Leben macht Leben möglich

Alles, was unseren heute Planeten ausmacht, ist durch Lebewesen entstanden. Erste Mikroorganismen begannen per Photosynthese Sauerstoff zu produzieren. Sauerstoff war in den Urzeiten unserer Welt nur als Spurenelement vorhanden. Heute macht er 21 Prozent der Atmosphäre aus. Das einfache Wasserstoffatom wäre, wie auf Mars und Venus geschehen, als leichtestes Atom schnell in den Weltraum verschwunden, hätten die ersten Bakterien es nicht mit Sauerstoff in Kontakt gebracht und die Bildung von Wasser ermöglicht. Ein zweiter Bakterienstamm, der in dieser Zeit entstand, (wieder hat die Erde ein unglaublich kleines Zeitfenster zu nutzen gewusst, um diesen Prozess in Gang zubringen) band Wasserstoff und Schwefel am Meeresgrund.

Alle wichtigen Stoffe auf unserer Erde bilden Kreisläufe mit Hilfe von Lebewesen, von Pflanzen, Tieren, Pilzen, Algen und Bakterien. 99 Prozent der Gase in unserer Atmosphäre sind Produkte von lebenden Organismen. Nur dank Plankton, Algen und Co konnte das Urmeer entgiftet werden. Diese nutzten die im Übermaß giftigen Metalle, die damals in großen Mengen im Meer vorkamen, für ihren Stoffwechsel. Mit dem Absterben der Kleinstlebewesen sanken diese zusammen mit den Körpern auf den Meeresgrund. Unser Planet macht uns zudem vor, was echte Nachhaltigkeit bedeutet: Alles was Abfall der einen Spezies darstellt, ist gleichzeitig Nahrung für eine andere. Ein perfektes Gleichgewicht.

Gaia, Mutter Erde

Dies ist nur ein wirklich kleiner Ausschnitt aus den Erkenntnissen, die Wissenschaftler zum Thema bis heute zusammengetragen haben, (schon im Eingangskapitel des oben erwähnten Buches findet ihr alles sehr viel ausführlicher). Aber auch diese kurze Einführung schafft meines Erachtens Zugang zur These, die der Gaia-Forschung zu Grunde liegt. Die lautet nämlich: Unser Planet selbst ist ein Lebewesen, ein Organismus und wie jeder Organismus darauf bedacht, gesund und am Leben zu bleiben. Wenn man noch einen Schritt weiter gehen will, könnte man zudem unterstellen, dass es ein Bewusstsein geben muss, mit dem unser Planet seine Geschicke lenkt. Dieses Bewusstsein scheint sich dafür entschieden zu haben, das Leben hier auf der Erde zu erhalten und in größter Vielfalt weiter zu entwickeln.

Lust auf etwas Wissenschaft? Noch einmal Lovelock.

Aus Sicht der Physik, genauer dem zweiten physikalischen Gesetz der Thermodynamik, das allen Prozessen einen Energieverlust und immer stärkere Vereinfachung bis zum endgültigen Stillstand bescheinigt, dürfte biologisches Leben eigentlich gar nicht entstanden sein.

„Das Leben ist der paradoxe Widerspruch gegen das zweite Gesetz der Thermodynamik. .. Und was noch bemerkenswerter ist: Dieser unstete, geradezu illegale Zustand des Lebens hat sich auf der Erde gehalten für einen ansehnlichen Bruchteil des Alters des Universums selbst.“

„Seit über drei Milliarden Jahren erhöht Gaia den Grad der Ordnung und Komplexität. Die Erde ist wirklich der Planet, der alle Regeln bricht.“




Foto: planet-schule

    Kommentare 2

    • Ja, dieses Buch hat mich auch total gefesselt, mir eine ganz neue Blickrichtung und noch mehr Ehrfurcht und Achtung gegenüber unserer Mutter Erde und alles Lebendem gegeben.

      Super schön hier darüber zu lesen.

    • Ein spannender Gedanke! Wenn diese "innere Kraft" des Planeten tatsächlich vorhanden ist, könnten die vielen vom Menschen gemachten Probleme unter Umständen mit Hilfe von "Selbstheilungsprozessen" gelöst werden.

      Die Frage ist dann wahrscheinlich nur ob das mit oder ohne den Menschen geschieht.

      Interessant finde ich, dass die von dir beschriebenen Thesen im Zusammenhang mit der Raumfahrt aufkamen. Meiner Meinung nach aber schon in vielen uralten Naturreligionen erkennbar sind....