Entdeckung der Langsamkeit

Zu Fuß gehen, was für ein Luxus!

Dieses Gefühl, Zeit zu haben, hat meinen Alltag verändert. Neben dem Twizyfahren für weite Strecken, für Transporte, bei echtem Käsewetter und wenn Termindruck besteht, bin ich früher an freien Tagen oft Fahrrad gefahren. Das hat mir direkt ein kleines Urlaubsgefühl vermittelt. Doch heute gehe ich es an manchen Tagen noch langsamer an. Ich gehe zu Fuß. Nach Rinteln und zurück. (ca. 10 Kilometer) Zum Hofladen in Krankenhagen und zurück (ca. 8 Kilometer). Zum Kaffeetrinken zu meiner Mutter in Exten und zurück (ca. 5 Kilometer). Und wenn ich dann streckenweise an Straßen entlang gehe und der Verkehr neben mir rauscht, dann fühle ich mich wie ein Aussteiger. Ausgestiegen aus dem üblichen Hetzen, dem von hier nach da rasen müssen. Das versetzt mich In eine ganz eigene Welt, ein Paralleluniversum, in dem man Bäume und Sträucher am Straßenrand wirklich wahrnimmt, Vögel zwitschern hört, Wind, Regentropfen und Sonne auf der Haut spürt und die jeweilige Jahreszeit mit allen Sinnen erfasst. Was für ein Geschenk!

Dinge tun, die dauern

Handarbeitstechnisch bin ich die letzten Jahrzehnte nicht übers Sockenstricken hinausgekommen. Socken, sprich kleines Projekt, sprich schnell fertig! Na gut, relativ schnell! Aber, ich glaube, es ist schon herauszuhören, dass Tempo und Zeitmangel sich in dieser Wahl widergespiegelt haben.

Und jetzt mit diesem speziellen Mehr an Rentner-Zeit entdecke ich richtig langsame Produktionsweisen: ich lerne gerade zu spinnen. Praktischerweise hat mir die Freundin, von der ich das Spinnrad ausgeliehen bekommen habe, schon gut vorbereitete gekämmte Wolle dazu gegeben, sonst wäre der Prozess vom ursprünglichen Material, Schafwollflies, zum Endprodukt Garn, mit säubern und kadieren nämlich noch länger. Dabei ist er für ein Kind des Konsum-Zeitalters (also mich...) schon so lang genug! Spinnen dauert nämlich. Langsam wird die erste Spule voll. Dann brauchst du eine zweite, damit du beide Fäden miteinander verzwirnen kannst. Aufwickeln auf einen Strang. Wiegen. 150 Gramm. Oh da fehlt noch einiges, damit es eine Weste werden kann. Dass ist die eine Seite, die, die Geduld erfordert. Die andere ist die mit der Vorfreude und Neugier. Wie werden die bunten Fusseln, die du eingearbeitet hast, im Garn aussehen? Wie wirkt das Ganze gestrickt? Was für eine Form und was für ein Muster passt zum Garn? Was traust du dir zu, lieber was Einfaches, oder was Raffinierteres? Und diese Vorfreude, mal reine Freude, mal auch mit Ungeduld gepaart, begleitet mich jetzt schon über Wochen, dabei bin ich immer noch im Stadium des Garnproduzierens! Ich darf mich also noch eine ganze Weile „vorfreuen“. Und ich hoffe, dass die Freude über das, was dann entsteht, mich auch noch lange begleitet.

Wachsen lassen

Ein drittes Gebiet, dem ich mich seit kurzem zuwende, ist die Gartenarbeit. Mein Leben lang habe ich behauptet, dass Garten nicht so mein Ding ist. Genau deshalb bin ich auch in einer Solawi. Da gibt es schließlich Leute, die wissen, was zu tun ist. Aber jetzt habe ich mir im Garten des Hauses, wo ich zur Miete wohne, ein kleines Stück Rasen umgegraben, um mein erstes eigenes Beet anzulegen. Ich wundere mich über die Unsicherheit und Aufregung, die mit diesem Projekt in mir auftaucht. Meine Unerfahrenheit macht mir zu schaffen. Entscheidungen (erst mal nur im Kopf, ist ja noch Winter…) fallen mir schwer. Permakultur ist doch sinnvoll, oder? Aber da muss man ja viel drüber wissen. Doch lieber Reihen? Oder mal alles mögliche wild durcheinander versuchen und gucken, was sich hier wohl fühlt? Ob mein verbuddelter Bokashi-Kompost dem Boden gut tut? Soll ich erst mal noch mulchen? Oder Senf aussäen? Aufregung und wieder: Vorfreude! Letzte Woche war ich im Raiffeisenmarkt, habe die ersten bunten Tüten mit Samen gekauft und zwei Anzuchtsets für Schnittlauch und Petersilie für die Fensterbank. Das Experiment kann starten. Wenn die Zeit dafür gekommen ist. Solange gärtnere ich noch in meinen Tagträumen… Voller Vorfreude. Bis gaanz langsam der Frühling kommt...


Foto von der Autorin selbst

    Kommentare 1

    • Entdeckung der Langsamkeit

      Gratuliere, denn für die meisten Rentner fängt der Stress mit Beginn des "Rentenlebens" erst richtig an!