Bauernproteste

Worum geht es eigentlich?

Im Mittelpunkt des Handelns für jeden Landwirt, ob konventionell oder Bio, steht zunächst einmal der Wunsch nach Anerkennung. Oder einfach gesagt: Der Landwirt will von seiner täglichen Arbeit leben können. Damit dies möglich ist, muss heutzutage jedoch ein großer Aufwand betrieben werden. Es müssen große Flächen möglichst effizient bewirtschaftet werden. Hierzu ist häufig ein kostspieliger Fuhrpark erforderlich, der dann mit hohen unternehmerischen und damit finanziellen Risiken verbunden ist. Diese Notwendigkeit spiegelt sich auch in den immer größer werdenden Betrieben wider, die immer größere Mengen für immer mehr Verbraucher produzieren. Statistisch versorgt ein Landwirt heute mehr als 150 Menschen. Vor einigen Jahrzehnten waren hierzu noch 15 Landwirte notwendig. Allerdings verdient derzeit ein Landwirt heute, relativ gesehen, nicht mehr als früher. Der ideale Beruf um reich zu werden ist es also nicht, eher im Gegenteil – immer mehr Landwirte geben auf oder betreiben ihren Beruf nur noch als Nebengewerbe.

Faire Bezahlung

Es liegt auf der Hand, dass es mehr Anerkennung, die sich auch in einer fairen Bezahlung ausdrückt, für die Arbeit der Landwirte geben muss. Gerade dann, wenn der gesellschaftliche Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit und Tierschutz besteht, müssen zusätzliche Kosten, die in diesem Zusammenhang entstehen, bezahlt werden. Denn obwohl Bioprodukte schon wesentlich teurer sind, befindet sich der Biolandwirt in der gleichen Situation, wie der konventionelle Bauer. Durch den "Bio"- Aufpreis werden lediglich tatsächlich anfallende Zusatzkosten gedeckt. Dass beim konventionellen Anbau solche Kosten nicht anfallen, muss übrigens auch bezahlt werden. Den Preis zahlen Umwelt und Natur. Für jeden Landwirt gilt jedoch: Es fehlt die Anerkennung der Arbeit durch eine faire Bezahlung.

Der Wert von Lebensmitteln

Ich höre immer wieder, dass alles, besonders Lebensmittel, immer teurer wird. Dieses Gefühl der Preissteigerung ist jedoch nur subjektiv. Betrachtet man statistische Daten wird deutlich, dass der Preis für Lebensmittel im Verhältnis zum Einkommen nicht gestiegen ist. Vielmehr ist sein Anteil im Monatsbudget des Durchschnittsdeutschen zunächst stark gefallen und hat sich dann auf niedrigem Niveau stabilisiert. Konkret heißt das, dass ein Bundesbürger im Jahr 1950 mehr als 40% seines Einkommens für Lebensmittel aufwenden musste. Seit 1990 liegen diese Ausgaben bei 13-19%, Tendenz fallend. Erstaunlicherweise finden sich vergleichbare Statistiken für diese Angaben auch in anderen entwickelten Ländern. Man könnte also sagen, je reicher ein Land ist, desto weniger werden Lebensmittel wertgeschätzt. Belegen lässt sich diese These nicht nur an der relativen Preisentwicklung, sondern auch an Indikatoren, wie dem Anteil der verschwendeten Lebensmittel, der in den reichen Ländern ebenfalls deutlich erhöht ist.

Wie konnte es dazu kommen?

Während die „Optimierung“ der Landwirtschaft anfänglich das Ziel hatte, die Bevölkerung in den Nachkriegsjahren ausreichend mit Lebensmitten versorgen zu können, geht es heute schon lange nicht mehr um Versorgungssicherheit. Die Industrialisierung bei der Lebensmittelerzeugung ist vielmehr die Folge wirtschaftlicher Interessen. In einer westlichen Konsumgesellschaft ist es sehr lukrativ, wenn die Konsumenten einen möglichst großen Anteil ihres Einkommens für „nicht lebensnotwendige“ Produkte zur Verfügung haben. Damit ist es von Vorteil, wenn Lebensmittel, die Menschen ja in jedem Fall kaufen müssen, möglichst billig sind. Solche Lebensmittel sind dann jedoch nur zu Lasten von Bauern und Umwelt zu bekommen.

Ein Schuldiger ist nicht so einfach zu finden

Die Verbraucher und Politiker geben den Landwirten die Schuld am Raubbau an der Natur und am Leid der Tiere. Die Bauern jedoch beklagen falsche politische Entscheidungen und unzureichende Bereitschaft von Handel und Verbraucher, faire Preise zu bezahlen. Alle haben Recht und tragen dennoch gemeinsam Verantwortung. Die aktuelle Situation ist letztlich für alle gleichermaßen unbefriedigend und frustrierend. Die anstehenden Herausforderungen des Klimawandels mit Wetterextremen, das Insektensterben und weitere negative Faktoren werden es allen Beteiligten zukünftig noch schwerer machen. Besonders der Existenzkampf der Landwirte wird sich verschärfen.

Es gibt Lösungsansätze

Viel Wissen und Erfahrung auf Grund sich ändernder Anbaubedingungen haben besonders die Bio Landwirte sammeln können. Die Regeln des Anbaus verlangen hier kreative Lösungen - nah an und mit der Natur. Dass Biolandwirtschaft für mehr Artenvielfalt, Gewässerschutz und Verbesserung der Bodenqualität sorgt, versteht sich von selbst. Konventionelle Landwirte sind jedoch beispielsweise oftmals besser aufgestellt in puncto Effizienz oder Digitalisierung. Beide Lager könnten somit ihren Beitrag leisten, um eine Landwirtschaft der Zukunft zu entwickeln. Aber auch die Politik kann etwas tun, indem sie die zielgerichteten Bemühungen für mehr Nachhaltigkeit, Umwelt- und Tierschutz umfassend fördert. Dazu gehört sicher auch, dass der Schwerpunkt von Subventionen nicht mehr auf Betriebsgröße oder Produktionsmengen ausgerichtet sein sollte. Vielmehr müssen alle, auch kleinere regionale Versorger, die ökologisch ausgerichtet sind, unterstützt werden. Weiterhin ist es wichtig, unterstützende globale Handelsabkommen abzuschließen. Die heimischen Bemühungen dürfen nicht bereits im Keim erstickt werden. Die Abkommen müssen verhindern, dass billige, umweltzerstörende Produkte in Konkurrenz zu nachhaltigen Produkten treten.

Nichts geht ohne die Verbraucher

Natürlich müssen sich auch die Verbraucher auf den Wandel einlassen. Eine Umkehrung der fallenden Preisentwicklung bei Lebensmitteln wird sich im Geldbeutel der Verbraucher bemerkbar machen. Es muss also auch hier die Bereitschaft bestehen, anteilig mehr vom Einkommen in nachhaltige Nahrung zu investieren. Oder anders ausgedrückt, der Forderung nach ökologischeren Lebensmitteln und mehr Tierwohl müssen Taten folgen! Lebensmitteleinkäufe nach dem Motto "so billig wie möglich" sollten der Vergangenheit angehören.

Fazit

Im Sinne aller Landwirte müssen sich Politik, Handel und Verbraucher einig werden: Alles was schlecht für die Umwelt ist, darf nicht billig bleiben und die Arbeit der Landwirte muss anerkannt werden!


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