Wir waren in Berlin!

Großes Lob an die Organisatoren auf allen Ebenen

Ein dickes Lob an alle Organisatoren sei an dieser Stelle vorausgeschickt. Sie machen es den Menschen, die sich beteiligen möchten, wirklich leicht. Wir haben im Handumdrehen eine super Mitfahrmöglichkeit für uns gefunden, haben uns dem Detmolder BUND angeschlossen, der mit einem Reisebus direkt zum Brandenburger Tor vorfuhr. Die Detmolder, schon erfahren in Sachen Berlinreisen, hatten an alles gedacht. Es gab Pausen auf Hin- und Rückfahrt, Handynummern wurden ausgetauscht, damit auch verloren gegangene Mitreisende, erreicht werden konnten, der Zeitplan hatte genug Spielraum für alle möglichen Eventualitäten, und man wusste auch, dass sich die beiden Busfahrer über ein Trinkgeld freuen würden, und sammelte am Ende der Fahrt dafür ein.

„Wir haben es satt“ - Eine bunte, lebendige Demo

Schon der erste Eindruck von „Wir haben es satt“ hat uns begeistert. Wir kamen nämlich gerade rechtzeitig , um die Ankunft der Trecker, die von drei Orten aus sternfahrtmäßig angefahren kamen, mitzuerleben. 170 sollen es gewesen sein, so die Veranstalter, aus dem ganzen Bundesgebiet, eine Reihe, die nicht zu enden schien. Die meisten kleinere, Modelle, zum Teil Oldtimer, richtige Charaktere. Und alle mit pfiffigen Parolen geschmückt. Man hätte sie doch alle mitschreiben sollen, so anregend waren viele. Jetzt sind mir doch nur wenige, wie zum Beispiel „Farmers for future“ oder „Konzerne denken in Quartalen – Bauern in Generationen“ im Gedächtnis geblieben. Und eigenartige bleiben natürlich auch haften. „Gemöse an die Macht“ (?!).

Am Kundgebungsort: ein buntes Volk. Gummistiefel und Bauernkäppi, Rastalocken und grob gewebtes Gewandt, Eltern mit Kindern in allen Altersstufen, junge, flotte Großstädter, biederere Landeier, die Großelterngeneration, als Frösche und Hühner Verkleidete, Imker mit Imkerhut… So unterschiedlich und dabei merkwürdigerweise doch eine Gruppe, in der wir uns sofort zuhause fühlten.

Von den Redebeiträgen auf der großen Tribüne habe ich, ehrlich gesagt, nur punktuell etwas mitbekommen. Beeindruckt hat mich der Imker, dessen Schicksal gerade durch die Presse gegangen war – er hatte 4 Tonnen Honig auf dem Sondermüll entsorgen müssen, weil er das hundertfünfzigfache der zugelassenen Menge an Glyphosat enthielt, nachdem seine Bienen eine frisch gespritzte Löwenzahnwiese besucht hatten! Der sprach und machte klar, dass dieser Vorfall kein Einzelfall sei. Ähnliches sei von anderen Imkern auch bekannt. Und die mitreißenden jungen Moderatoren habe ich auch noch im Ohr. Die dürften auch wirklich ganz begeistert gewesen sein, dann statt der erwarteten 15.000 waren 27.000 Menschen gekommen. Das war toll, brachte aber auch den Zeitplan ganz schön durcheinander. Es dauerte, bis der Zug sich in Bewegung setzte. Themenwagen von landwirtschaftlichen Verbänden, BUND, Tierschützern, Nabu, Grünen, Veganern, Imkern und auch vom Netzwerk der Solidarischen Landwirtschaft fuhren mit, die jeweilige Anhängerschaft hinter sich versammelnd. Gemächlich kroch der lange Zug erst durch das Regierungsviertel und dann ein Stück durch großstädtisches Einkaufsgetümmel. Mein Eindruck vom Publikum am Rande: eher neugierig, verwundert, manchmal ein bisschen spöttisch, aber nicht feindselig. Ganz toll fand ich die musikalische Begleitung. Immer wieder kamen wir an Samba-Bands vorbei, die mit ihren fröhlichen Rhythmen für neuen Schwung in den doch manchmal müder werdenden Reihen sorgten.

Um 12 Uhr waren wir, nach 5 Stunden Busfahrt, am Brandenburger Tor angekommen. Gegen vier erreichten wir es wieder, zur Abschlusskundgebung. Da blieb nur wenig Zeit, um im Dietrich-Bonhöfer-Haus, dem Ort, wo uns der Bus um 17 Uhr wieder einsammeln würde, Vorträgen zu lauschen und Infomaterial oder Bücher zu erstehen. Ein voller Tag! Aber wunderbar, geradezu beschwingend!

Ein Gemeinschaftserlebnis

So wichtig ich es finde, öffentlich Flagge zu zeigen, für seine Überzeugungen einzutreten und sich großen Bewegungen anzuschließen, die sich bemühen, den trägen, vor Konzernen bibbernden Regierungsapparat aufzurütteln, so wichtig ist mir gleichzeitig unsere kleine Solawi-Gemeinschaft vor Ort. Und für uns vier hat die Fahrt nach Berlin eben auch auf persönlicher Ebene eine Bedeutung. Selten hatten wir soviel Zeit zum Reden wie auf der langen Busfahrt zur Demo. Das war eine Freude! Und dann so ein gemeinsames Erlebnis, geteilte Eindrücke – das verbindet!

Noch eine Bemerkung

Ich kenne den Charakter der anderen neun „Wir haben es satt“- Veranstaltungen nicht, deshalb ist meine Einschätzung dazu, wohin die Entwicklung gerade geht, eher so aus dem Bauchgefühl heraus. Trotzdem will ich sie euch nicht vorenthalten. Nach meinem Gefühl gibt es nämlich eine verstärkte Bewegung der unterschiedlich eingestellten Landwirte aufeinander zu. In einer Nachrichtensendung (Mist, ich weiß nicht mehr in welcher…) wurden ein Landwirt aus dem konventionellen Lager (Rinderbauer), der an der Treckerdemo am Freitag teilgenommen hatte, und eine der „Wir haben es satt“-Verantwortlichen befragt. Sinngemäß eröffnete der Fernsehmoderator mit „es ist ja nicht mehr zu leugnen, dass der Einsatz von Pestiziden zurückgehen muss, dass das Trinkwasser nicht weiter durch Überdüngung gefährdet werden darf, dass bei der Tierhaltung das Tierwohl berücksichtigt werden muss….“ und die Antwort des konventionellen Bauern lautete: „Wir würden da ja gern mehr tun, wenn es uns ermöglicht würde.“ (Danach rettete er sich wieder in angelernte Rhetorik. Ist ja vielleicht auch nicht verwunderlich, so auf dem heißen Stuhl)

Aber dieses „wir würden ja auch gern mehr tun“, das hat mir Hoffnung gemacht. Da ging es doch um dasselbe, was auch die Samstagsdemonstranten umtreibt: nämlich die völlig in die falsche Richtung drängenden Strukturen, die die Politik der Landwirtschaft vorgibt.

Man stelle sich vor, dass die durch die Teile-und-herrsche-Politik (und den hochgradig rückständigen, von der Industrie gekauften Bauernverband) in zwei Lager gespaltenen Landwirte zueinander finden. Das wäre eine Macht!


Fotos von Claudia Masthoff und Martina Schoemaker

    Kommentare 1

    • Liebe Claudia,

      ich kann mich Dir in allem nur anschließen, dass hast du sehr bildhaft beschrieben.

      Besonders dein Schluss-Plädoyer hat mich sehr berührt, dass kann ich auch nur unterstreichen!