Erste Wahl - Second Hand

Neues Leben – neue Meinungen

Hätte man mich vor ein paar Jahren nach meiner Vorstellung von umweltbewusstem Konsum befragt, hätte ich wahrscheinlich das Loblied auf hochwertige, langlebige, im eigenen Land hergestellte Produkte gesungen. Und das ist natürlich auch nicht verkehrt. Aber dann änderte sich meine Einkommenssituation und eigenartigerweise auch meine favorisierte Idee von gutem Konsumverhalten. Wie schön, dass Meinungen so flexible Gebilde sind! Heute stehe ich voll auf und hinter Secondhandkauf!

Frag doch einfach mal herum!

Und ich muss sagen, das hat einen gewissen Spaßfaktor. Man kommt zum Beispiel wieder mehr ins Gespräch, wenn man, sobald man feststellt, dass einem etwas fehlt, anfängt, im Freundes- und Familienkreis nach dem Gewünschten herumzufragen. Nach meinem Umzug, bei dem, ich fasziniert vom minimalistischen Lebensstil, vieles abgegeben hatte, und bei dem auch ein flügge werdender Jungmenschen mit dem ersten Hausstand ausgerüstet werden wollte, fehlte mir plötzlich doch so dies und das. Wo ist denn bloß der Schneebesen? Habe ich wirklich alle Gästezudecken entsorgt? Mist, kein Vorhangstoff mehr da… Früher wäre ich sofort in irgendso ein skandinavisches Bettenhaus gelaufen, um tutto pronto das Benötigte zu besorgen. Dass das auch anders funktioniert, war eine tolle Erfahrung. Ich stellte fest, dass ich all diese Dinge mit ein bisschen nachfragen im direkten Umfeld bekommen konnte. Geschenkt! Und sogar mit Freuden geschenkt, denn die Sachen lagen bis dahin ungenutzt herum und nahmen nur Stauplatz ein!

Supersache: Soziale Projekte rund um gebrauchte Möbel

Um das erste richtige Wohnzimmer seit Jahrzehnten einzurichten, die neuen Räume gaben das her, legte ich mich eine ganze Weile auf die Lauer. Immer wieder strich ich um das Schaufenster des Brauchbar-Möbelmarktes in Rinteln, einem sozialen Projekt für Langzeitarbeitslose, das sich auf die Aufarbeitung und den Verkauf gebrauchter Möbel spezialisiert hat, herum. Etwas Helles wollte ich haben und zu groß durfte es auch nicht sein, damit es in das entsprechende Zimmer auch hineinpasste. Nach, ich schätze mal drei Monaten, tauchte sie auf, meine Traumgarnitur und ich schlug sofort zu. Zwei Sofas, ein Sessel mit Hocker, super Qualität, für nur 250 Euro.

Second-Hand-Bekleidung, schon lange ein Klassiker

Den Kleiderschrank, der mittlerweile dank der trendigen Denkweise zu einer mini-minimalistischen Kleiderkommode geworden ist, fülle ich von Zeit zu Zeit mit Stücken aus dem örtlichen Rotkreuzladen auf. Der Einkauf dort ist ein reines Glücksspiel. Oft finde ich nichts, was mir gefällt, aber manchmal lande ich echte Treffer. Und manches Kleidungsstück, dass ich vermutlich im „normalen“ Laden gar nicht gekauft hätte, weil es nicht 100 % mein gewohnter Style, meine Farbe, oder was auch immer gewesen ist, wurde im Laufe der Zeit doch tatsächlich zum Lieblingsstück.

Der Vorteil, wenn man in einer größeren Stadt wohnt

Und kürzlich war ich in Hannover und habe mir dort das Faire Kaufhaus angesehen. Vier Etagen Second Hand mitten in der City! Das hat mich beeindruckt. Unten Bücher und DVDs, darüber Bekleidung für Kinder und Erwachsene, Haushaltswaren, Elektrogeräte und Kleinmöbel. Eine Supersache, finde ich.

Als letzte gute Möglichkeit, um gebrauchte aber noch nutzbare Dinge zu beziehen, sollen hier Ebay-Kleinanzeigen erwähnt werden. Diesen Markt kenne ich nur aus Verkäufersicht. Da bin ich vieles losgeworden, was nach dem Verkleinern meines Hausstandes übrig war. Ebay ist nicht unbedingt der Ort, um viel Geld einzunehmen, aber das Verkaufen hat Spaß gemacht, und viele Sachen sind, zu beiderseitiger Freude, an junge Leute gegangen, die ihre erste Wohnung einrichten wollten.


Mein Resüme: Man braucht, wenn man Second-Hand einkauft, vielleicht ein wenig mehr Zeit, als beim Einkauf in „normalen“ Geschäften. Es gilt bei den entsprechenden Stellen immer mal wieder hinein zu schauen, zu stöbern und sich ein bisschen überraschen zu lassen. Gut ist es auch, wenn man keine zu fest umrissene Vorstellung davon hat, wie das gewünschte Objekt aussehen soll. Lieber offen sein, für das, was gerade da ist. Aber wenn ich so darüber nachdenke, gilt das für den Kauf von neuwertigen Dingen eigentlich genauso. Auch auf dem kapitalistischen Markt der Möglichkeiten bekommt man nicht immer das, was man sucht, sondern oft nur das, was gerade modern ist, und das Suchen und Kaufen selbst, kann angesichts des, dem Internet sei dank, völlig überbordenden Angebotes, auch jede Menge Zeit schlucken.


Foto: Images

    Kommentare 1

    • Trifft genau meine Lebenseinstellung! Danke für den tollen Artikel. Ich trage seit Jahren (fast) nur gebrauchte Kleidung, nur Socken und Unterwäsche brauch ich alle paar Jahre mal neu. Und was am meisten Spaß macht: upcyclen von Sachen, die mir noch nicht so perfekt gefallen. Ein Beispiel: im Second-Hand-Laden gab's für 3 Euro einen grauen Vliesrock, absolut schlicht, aber passt und her damit. Dann hab ich bunte Spiralen drauf gestickt (mein riesiger Vorrat Stickgarn stammt aus einer Haushaltsauflösung) und jetzt ist er ein echtes Designerstück, kein Mensch hat den gleichen.

      Ich sag mir immer, sich für ein paar hundert Euro neu einkleiden kann jeder, aber dasselbe für ganz kleines Geld?