Wissenwertes über die „Einwanderer“ der Pflanzenwelt

Eingewanderte Pflanzen werden auch als Neophyten bezeichnet. Bei ihnen handelt es sich um neobiotische Pflanzen, was wörtlich übersetzt soviel heißt, wie „neu lebende“ Pflanzen. Das sind also Pflanzen, die an einem bestimmten Ort der Welt „neu“ heimisch geworden sind. Hierzu gehören überraschenderweise auch Vertreter, die seit langer Zeit ganz selbstverständlich unseren Speisezettel bereichern. Am bekanntesten ist in diesem Zusammenhang sicher die Kartoffel. Aber auch Tomate und Weizen gehören zu den Neophyten. Besonders die Entdeckung Amerikas Ende des 15. Jahrhunderts hat zu einem Boom von eingewanderten Pflanzen in Europa geführt.

Gründe für die „Einwanderung“

Es gibt viele Beispiele für den bewussten Import exotischer Pflanzen. Häufig stand dahinter der Wunsch, Zierpflanzen für die sehr beliebten botanischen Gärten einzuführen. Selbst die Kartoffel ist vermutlich wegen ihrer schönen Blüte (siehe Foto) und des üppigen Laubes nach Europa gelangt. Ihre Qualität als nahrhaftes Lebensmittel wurde erst später erkannt und die Karriere als Ackerfrucht begann so eine ganze Weile nach ihrer eigentlichen Ankunft. Nicht immer aber stand (und steht) eine bewusste Absicht dahinter, wenn Pflanzen aus fernen Regionen nach Europa gelangen. Viele Arten werden quasi als blinde Passagiere von Reisenden und Handeltreibenden eingeschleppt. Dabei reisen die Samen der fremden Pflanzen unbemerkt und ungeplant an der Kleidung von Händlern, an deren Transportmitteln oder direkt mit den Waren mit ein. Statistiken besagen, dass bis zu fünfzig Prozent der Neophyten unbemerkt und ungeplant eingeführt werden. Fremde Arten als Zier- oder Nutzpflanzen einzuführen, ist übrigens bis heute üblich. Derzeit wird beispielsweise mit dem Anbau von Quinoa, einem aus den Anden stammende Pseudogetreide, experimentiert. Ein Versuch. Ob er zum Erfolg wird, ist noch nicht sicher, denn eine Pflanze zu importieren, bedeutet noch lange nicht, dass die neue Art hier auch heimisch wird. Es sind nämlich nur etwa zehn Prozent der eingewanderten Arten langfristig hier überlebensfähig. Die Zähigkeit und Anpassungsfähigkeit, die Landwirte bei dem Pseudogetreide Quinoa natürlich begrüßen würden, wirkt sich bei anderen Einwanderern jedoch oft negativ für unsere Umwelt aus. Wenn diese sich stark und womöglich sogar gänzlich ungewollt ausbreiten, kann das schwerwiegende Folgen für die heimischen Ökosysteme haben.

Probleme, die Neophyten mit sich bringen

Unter den vielen eingewanderten Pflanzen stellen etwa 30 Arten ernste Problem für die heimischen Ökosysteme dar. Die Fachleute bezeichnen diese Pflanzen als invasive Arten. Besonders anfällig für diese sind bereits vorgeschädigte Ökosysteme. Gemeint sind hiermit Bereiche, die, meist durch menschlichen Einfluss, bereits einen Großteil ihrer Biodiversität eingebüßt haben. Neben Monokulturen wären hier zum Beispiel Industrieflächen oder Bahnstrecken zu nennen. Mangels einheimischer natürlicher Konkurrenz haben es die Invasiven hier leicht, Fuß zu fassen und sich massiv auszubreiten. So werden auch die letzten Vertreter der ursprünglichen Flora schnell vollständig verdrängt. In einigen Fällen kann es sogar zu einer Veränderung der Nährstoffzusammensetzung im Boden kommen. Der Lebensraum wird für die einheimischen Arten so nachhaltig zerstört und die Biodiversität nimmt weiter ab. Ein Beispiel für einen besonders problematischen Neophyten ist das Herkuleskraut, welches ursprünglich aus dem Kaukasus stammt. Hautkontakt mit der Pflanze zusammen mit Sonnenlicht kann bei Menschen zu schweren Verbrennungen führen! Nicht so offensichtlich sind die Auswirkungen anderer ungebetener Gäste auf den Hochwasser- und Gewässerschutz. Tiefe oder sehr weit verzweigte Verwurzelungen mancher invasiven Arten können die Stabilität von Uferböschungen und sogar Fischbestände gefährden. Invasive Arten gelten damit als wirklich gefährlich und sollten aktiv zurückgedrängt werden.

Neue Arten und der Klimawandel

Im Zusammenhang mit dem Klimawandel und den damit verbundenen Problemen für die heimische Pflanzenwelt sehen einige Experten in den Neophyten jedoch auch eine Chance. Die Hitzesommer 2018/19 haben besonders dem deutschen Wald zu schaffen gemacht. Einige Waldbesitzer meinen, dass es in diesen zwei Jahren zu Schäden gekommen sei, deren Ausmaß die Folgen des sauren Regens in den 80er Jahren, glatt in den Schattens stellen würde. In diesem Zusammenhang wird diskutiert, ob nicht nichtheimische Baumarten helfen könnten, den Wald zu retten, eine Diskussion unter Fachleuten, die noch nicht abgeschlossen ist. Schon jetzt zeigen diese Gedankenspiele aber eines: Neophyten könnte bei der Frage "Wie gehen wir mit dem Klimawandel um?" eine neue Rolle zufallen. Jenseits der bisherigen Bedeutung als Zier- oder Nutzpflanzen könnten sie zur Neugestaltung unserer Umwelt ins Spiel gebracht werden. Ich persönlich sehe das jedoch kritisch und würde es bevorzugen, geeignete heimische Arten zu nutzen, um dem Klimawandel zu begegnen. Auch die Abkehr von Monokulturen oder das Ansiedeln "alter Arten" kann meines Erachtens helfen. Aus diesem Grund freue ich mich auch immer, wenn ich sehe, dass eine riesige Vielfalt verschiedener Obstbäume auf den Streuobstwiesen der Solawi in Vlotho zu finden sind.

Fazit

Genauso wie Menschen schon immer gereist sind und ganze Völker sich auf Wanderung begeben haben, haben auch Pflanzen sich immer schon verbreitet und in ganz neuen Lebensräumen Fuß gefasst. Es handelt sich also um ein natürliches Ereignis. Allerdings kann der Mensch hier Einfluss nehmen, und positive oder negative Entwicklungen verstärken. Für mich ist klar, dass wir im Hinblick auf die neuen Pflanzenarten Verantwortung übernehmen müssen. Unsere zunehmde Mobilität, der weltweite Handel und sowie der Tourismus sind schließlich auch die Ursache dafür, dass die Verbreitung fremder Arten immer schneller und massiver um sich greift. Da geht es längst nicht mehr so geruhsam zu wie im 15. Jahrhundert. Ziel sollte sein, die Biodiversität zu schützen und damit Lebensräume für möglichst viele Arten zu erhalten. Ob dieses erhöhte Tempo in der Zukunft auch auf das menschliche Leben Auswirkungen haben könnte, ist mit Blick auf dann auch zunehmend invasive Arten fraglich…


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