Warum Solawi?

Genau für und von solche/n Menschen ist die Solawi-Bewegung gemacht. Viel konkreter als meinetwegen beim „bewussten Einkauf“ von Bio-Kaffee im Supermarkt, genießt man als Solawi-Mitglied die geradezu sinnlich erfahrbare Konsequenz des eigenen Tuns.


Ganz wirtschaftlich, pragmatisch

Rein pragmatisch gesehen, will die Solawi-Bewegung Bäuerinnen und Gärtnern, die sich sowohl der ökologischen wie auch der kleinbäuerlichen Anbautradition verpflichtet fühlen, eine wirtschaftliche Grundlage schaffen. Mit den monatlichen Beiträgen der Mitglieder, die auch in ernteschwachen Zeiten oder in der Winterpause weiter entrichtet werden, hat der Gemüsegärtner/die Gemüsegärtnerin eine kalkulierbare Summe, mit der er/sie wirtschaften kann. Beim Solawi-typischen, einmal im Jahr stattfindenden Treffen, der Bieterrunde, stellt der Bauer die Kalkulation für die Kosten des nächsten Anbaujahres vor und die Mitglieder schauen, mit welchem Pflichtanteil sich diese Kosten decken lassen. Sie bemühen sich zudem, einkommensschwächere Mitstreiter zu entlasten, indem sich einkommensstärkere bereit erklären, eine höhere Summe zu zahlen.

Damit das mehr an Handarbeit, das der kleinbäuerlich-ökologische Anbau mit sich bringt, bewältigt werden kann, gibt es in den Solawis das Mithilfeprinzip. Beim Hacken, Jäten, Ernten und so weiter wird jede helfende Hand begrüßt.


Der ökologische Gesamtzusammenhang

Wer sich an einer Solawi beteiligt, hilft, das Gesicht der heimatlichen Landschaft zu verändern. Er/sie sorgt für den Erhalt oder den Zuwachs von ökologisch bewirtschafteten Flächen. Und nicht nur das. Er trägt auch dazu bei, dass wieder bunte, vielfältige, kleinteilig angelegte Gemüseäcker entstehen. (Auch Bio-Möhren können durchaus anders, nämlich in Monokulturen angebaut werden…) Da der Solawi-Bewegung das rein wirtschaftliche, nur auf höheren Ertrag ausgerichtete Denken fremd, ja viel zu kurz greifend erscheint, werden zudem, wenn es die Lage der Äcker ermöglicht, auch für die Gesamtökologie wertvolle Maßnahmen, wie die Anlage insektenfreundlicher Blühstreifen und Vögel schützender Hecken vorgenommen. Ein weiterer Schwerpunkt der Landwirtinnen, die sich an der Solawi-Bewegung beteiligen, ist das Thema Nachhaltigkeit. Vor allem der Erhalt von fruchtbaren Böden liegt diesen am Herzen. Während heute überall der Anblick ausgelaugter Felder, in denen jedem Wildkraut schon lange mit Herbiziden der Garaus gemacht worden ist, und wo auch das letzte Bodenlebewesen und Insekt den Pestiziden zum Opfer gefallen ist, zu großer Besorgnis Anlass gibt, könnten lebendige Solawi-Flächen eines Tages zu wichtigen Inseln in der Ödnis werden, von denen aus, sich das Leben wieder ausbreiten kann.


Das Ende der Entfremdung zur eigenen Nahrung

Solawis sind in vielerlei Hinsicht Zukunftsmodell für erstrebenswerte Veränderungen, die unser gesamtes gesellschaftliches System betreffen. Als vielleicht wichtigster Punkt wäre hier zu nennen, dass sie eine Möglichkeit darstellen, der starken Entfremdung, die das Verhältnis des Menschen heute zu seinen Lebensmitteln charakterisiert, etwas entgegen zu setzen. Anstelle von poliertem, in Plastik verpackten Einheitsobst und Gemüse, ganz zu

schweigen von den zu völliger Unkenntlichkeit ihrer Inhaltsstoffe industriell weiterverarbeiteten Fertigprodukten, findet das Solawi-Mitglied in seiner Kiste

Nahrungsmittel in ihrer ursprünglichsten Form: runde und schiefe Kohlrabis, erdige

Möhren, Blumenkohl, aus dem einem auch mal eine grüne Raupe entgegen purzeln kann. Wenn man dann auch noch selbst auf dem Acker mitarbeitet, begreift man plötzlich wieder, wie sehr wir alle auf die gute Erde angewiesen sind, die unsere Nahrung hervorbringt, wie wichtig Sonne und Regen, hilfreiche Tiere und Insekten und das Wissen und die Erfahrung unser Bauern und Bäuerinnen, Gärtner und Gärtnerinnen sind.


Neue Wertschätzung für unsere Landwirte und Landwirtinnen

Durch den persönlichen Kontakt zum uns versorgenden Hof und besonders durch den eigenen Arbeitseinsatz, der in allen Solawis ja erwünscht ist, entsteht unweigerlich ein neuer wertschätzender Blick auf die Menschen, die mit viel persönlichem Einsatz, harter Arbeit, langjähriger Erfahrung, Verantwortungsbewusstsein und der Bereitschaft, immer wieder dazuzulernen unsere gesunde Nahrung produzieren. Es dauert dann oft nicht lange, und man beginnt sich zu fragen, wie es passieren konnte, dass genau dieser Berufsstand, der doch in elementarer Weise für das Überleben von uns Menschen gebraucht wird, in der heutigen Gesellschaft so wenig Ansehen, so wenig Anerkennung und Beachtung findet. Solawis sind eine Form gewordene Aufforderung, wieder in den

Dialog mit unseren Landwirten zu treten, um sich jenseits von Konzerninteressen gemeinsam den eigentlichen Aufgaben der Landwirtschaft zuzuwenden: der Produktion von gesunden Lebensmitteln und der Gestaltung einer vielfältigen, Mensch und Tier, Körper und Seele befriedigenden Umwelt.


Regional-saisonal-ökologisch für alle funktioniert

Nun wird derzeit ja viel hin und her diskutiert, ob man die Menschheit überhaupt qua Bioanbau ernähren könnte, oder ob es dafür, wie die Saatgut- und Chemiekonzerne behaupten, die industrielle Agrarwirtschaft braucht. Solawis bleiben nicht auf der Ebene der Diskussion stehen. Sie treten an, um den Beweis zu erbringen, dass es möglich ist, viele Menschen mit einem guten Grundsortiment an ökologischen Lebensmitteln aus der direkten Umgebung zu versorgen. Sie zeigen, dass wir keine großen Monokulturen brauchen und kein schweres Ackergerät. Im Gegenteil: Solawi-Äcker sind Paradebeispiele dafür, dass sie genau die katastrophalen Nebenwirkungen der industriellen Anbauweise vermeiden. Auf ihnen findet man weder die Anfälligkeit großer Monokulturflächen für Krankheits- und Schädlingsbefall, der dann nur mit tödlichen chemischen Keulen behandelt werden kann, noch die zerstörerische Bodenverdichtung durch das „ach so effiziente“ schwere Gerät. So gibt es natürlich auch auf den Solawi-Beeten einmal Verluste durch irgendeine Art von Pflanzen schwächendem Befall. Der betrifft dann jedoch nicht die gesamte Ernte, sondern nur eine kleine Fläche, nur eine Sorte unter vielen und auch von dieser nur die eine Anpflanzungsgeneration. Ein Verlust, der verkraftet werden kann. Und

Solawi-Böden könnte man, mit guten Ohren, vermutlich aufatmen hören. Denn sie bekommen „von oben“ nur menschliche Füße und gelegentlich die Reifen kleiner, leichter Schlepper zu spüren.


Revolutionär, oder nicht?

Erschien es den Indianern in Amerika schon sehr eigenartig, dass die weißen Siedler behaupteten, ein Stück der Erde würde ihnen persönlich gehören, wären diese naturverbundenen Menschen angesichts des heutigen Wahnsinns wahrscheinlich völlig fassungslos. Heute sind es oft nicht einmal mehr einzelne Menschen, die von ihrer Scholle profitieren, die sich aber gleichzeitig verantwortlich zeigen und das Land für ihre Nachkommen erhalten wollen (Enkeltauglichkeit!), sondern Großbauern, Konzerne, Schreibtischtäter mit Dollarzeichen in den Augen, die allein in Hinblick auf sofortigen Profit ihre Entscheidungen treffen.

Solawis holen die Verantwortung für Boden, Nahrungsmittelproduktion und

Umweltgestaltung wieder zu den Menschen, die in der Region leben, zurück. Viele dieser Gemeinschaften legen zudem Wert darauf, samenfeste Sorten zu nutzen. Auch das sorgt für Unabhängigkeit von den immer mächtiger werdenden Agrarkonzernen. Hybride machen den die Landwirtin nämlich unweigerlich zum Dauerkunden beim „Hersteller“. (An dieser Stelle würden Indianer wahrscheinlich wieder heftig den Kopf schütteln: Wie kann es sein, dass Konzerne Pflanzensorten und sogar Tierzüchtungen „ihr eigen“ nennen?) Zudem haben samenfeste Sorten, das finde ich gar nicht so weit hergeholt, womöglich auch eine höhere energetische Qualität. In Demeter-Kreisen geht man zum Beispiel davon aus, dass eine Pflanze mit der inneren Anlage zur Fortpflanzung, zur Ausbildung fruchtbarer Samen, auch als Nahrungsmittel kräftigender ist, als ihre zur Hybridpflanze verstümmelte Schwester.


Wie verändert die Solawi das Leben der Mitglieder? Ein Abenteuer in der Küche!

Fragt man Solawi-Mitglieder, wie sich ihre Mitgliedschaft im Alltag auswirkt, kommt unweigerlich die Antwort: „Unser Speisezettel hat sich verändert!“ Anstatt wie gewohnt aus dem Sortiment von „alles ist immer verfügbar“ aussuchen zu können, steht ja nun eine vorgepackte Kiste in der Küche, die es zu verwerten gilt. Und für fast jeden sind dann irgendwann auch bisher ungeliebte oder unbekannte Gemüsesorten dabei, so dass die Frage nach guten Rezepten eigentlich alle „Solawisten“ zu beschäftigen beginnt.

Überhaupt bekommt die Arbeit in der Küche noch mal einen anderen Stellenwert. „Man muss Zeit haben, beziehungsweise sich Zeit nehmen, für das Kochen, wenn man einer Solawi beitreten will“, so die Erfahrung der hier Engagierten.

Solawi-Mitglied zu sein macht zudem bescheidener. Nehmen, was die Jahreszeit zu bieten hat, heißt das Motto. Das Wörtchen „saisonal“ wird zur echten sinnlichen Erfahrung. So erlebt man hautnah die Freude über das erste frische Grün im Frühling, den ersten Salat, Spinat, Rhabarber, den Kohlrabi oder Spitzkohl. Je nach Ausstattung der eigenen

Gemeinschaft, im Folientunnel gezogen vielleicht schon Anfang Mai, ansonsten eher im

Juni. Dann folgt die immer vielfältiger und reichhaltiger werdende Sommerernte, der Herbst mit seinen Kürbissen, Kohlköpfen, Äpfeln und Birnen, und schließlich wird das Lagergemüse erntereif, alle Sorten von Rüben, Sellerie, Lagerkartoffeln, Winterkohlrabi... Eine Weile gibt der Acker noch kältefeste Sorten her: Rosenkohl, Porree, Grünkohl.. und dann folgt der Winter, in dem sich man als Solawi-Mitglied vorzugsweise von KartoffelRüben-Eintöpfen ernährt!

Was erfahrene Mitglieder zudem immer wieder erwähnen, ist, dass man Solawi-Gemüse nicht wegschmeißen mag. Die Wertschätzung ist zu groß und man bemüht sich, wirklich alles zu verwerten. Sei es in Eintöpfen, die man portionsweise einfriert, sei es in Smoothies oder, wenn es gar nicht anders geht, in Form von Geschenken, die man an Freunde, Nachbarn und Verwandte weiter gibt.


Was kommt dann? Eine Horizonterweiterung!

Die Mithilfe auf dem Acker, die in den Solawis ja erwünscht ist, der direkte Kontakt zur Erde, der beim Pflanzen, Jäten, Hacken und Ernten entsteht, kann zur echten

Bereicherung werden. Körperlich zu arbeiten, bei Sonne, Wind und Wetter hat eine sehr erdende Wirkung. Das tut besonders Büro- und Stadtmenschen, aber natürlich nicht nur diesen, gut. Wenn man dann noch weiß, wie wichtig, ja elementar das eigene Tun ist, können solche Stunden auf dem Acker sehr befriedigend sein. Ganz besonders ist auch die Atmosphäre, wenn man mit anderen gemeinsam arbeitet. Das schafft Verbundenheit und, weil die eher monotone Tätigkeit den Kopf wenig beansprucht, auch Gelegenheit für tolle Gespräche. Also unsere Gemüsepflanzen haben schon viel Philosophisches zu hören bekommen!


Man lernt dazu als Solawi-Mitglied, wird mit der Zeit im ganz Praktischen geschickter und erweitert den eigenen Horizont auch in theoretischer Hinsicht. Durch den persönlichen Kontakt zum zur Bäuerin beginnt man Anteil an deren alltäglichen Sorgen und grundsätzlichen Ideen zu nehmen. Man teilt den sorgenvollen Blick in den Himmel, wenn der Regen fehlt. Erlebt, wie solche Phasen, wenn Bewässerung notwendig wird, den Arbeitstag bis an die Erschöpfungsgrenze verlängern können. Man erfährt, welche Themen einen Bauern heute beschäftigen. Wollen wir Blühstreifen an den Beeträndern einrichten? Ist Mulchen die beste Methode, um den Humusgehalt zu steigern? Gehen dadurch nicht zu viele Wildkräuter zu Grunde? Welche Rolle spielen überhaupt Beikräuter? Sind sie vielleicht auch hilfreich für die Gemüsepflanzen? Ist Permakultur ein anstrebenswertes Ziel? Welches Gemüse passt im Beet zueinander? In welcher Form wollen wir düngen? Wie schützen wir unsere Flächen gegen die Pestizide, die über den Wind von konventionell bewirtschafteten Flächen auf unseren Boden gelangen? Wie sieht eine bodenerhaltende Fruchtfolge aus? Wollen wir uns auch mit ganz neuen Ideen, wie zum Beispiel der Terra Preta, auseinandersetzen?

Und, und, und. Und unversehens stellt man fest, dass sich da ein weiteres spannendes, bereicherndes Feld im eigenen Leben aufgetan hat!